Rezension | Die Geschichte eines schönen Mädchens | Rachel Simon

Ein kleiner Einblick:

Es ist das Jahr 1968, irgendwo in Amerika. Die Witwe Martha, eine ehemalige Lehrerin, mittlerweile sehr in die Jahre gekommen, lebt einsam und sehr zurückgezogen in ihrem abgelegenen Häuschen. Nur mit ihren ehemaligen Schülern hält sie Kontakt, indem sie ihnen regelmäßig Briefe schreibt und zu Weihnachten schauen eben diese gerne bei ihr vorbei auf einen Tee oder Kaffee. Doch Marthas Leben wird plötzlich vollkommen auf den Kopf gestellt: An einem regnerischen Tag klopft es plötzlich an ihre Türe und sie steht zwei fremden jungen Menschen gegenüber, die sie verzweifelt anschauen. Sie folgt ihrer Intuition und gewährt den beiden Einlass. Es wird nicht gesprochen, der junge Afroamerikaner Homan scheint Stumm zu sein und das Mädchen Lynnie gibt nur wimmernde Laute von sich. Martha spürt, dass diese beiden auf der Flucht sind - und diese Vermutung bestätigt sich sehr schnell. Beide sind aus einer nahegelegenen Anstalt für geistig Behinderte geflohen und ehe Martha sich versieht, wird sie in ein großes Geheimnis der beiden mit einbezogen. Die Pfleger tauchen schnell bei Martha auf und Homan kann fliehen. Doch Lynnie muss wieder zurück in die trostlose Anstalt. Doch was sie nicht wissen: Lynnie hat ein kleines Mädchen geboren und dieses kleine Baby bei Martha versteckt. Stumm bittet sie Martha um ihre Hilfe - und sie kann sich nicht verwehren. Sie gibt Lynnie ein Versprechen. Ein Versprechen, dass ihr ganzes Leben verändert...

Meine persönlichen Gedanken zu dem Buch

Rachel Simon hat mit "Die Geschichte eines schönen Mädchens" einen außergewöhnlichen Roman geschaffen, der einen mitnimmt auf eine Achterbahn der Emotionen. Man begibt sich in dieser Geschichte auf eine wahrlich epische Reise, die in der Tat vierzig Jahre dauert. Eine Reise, die erzählt wird aus der Sicht von den Protagonisten Martha, Lynnie und Homan in der dritten Person - und später auch von Kate, der liebevollen Betreuerin von Lynnie. Immer abwechselnd erzählen diese vier Personen über das Geschehen, über ihr Leben und über ihr unweigerlich miteinander verbundenes Schicksal. Sie wissen nicht viel voneinander, aber ihr Leben besteht aus einer großen Suche, aus einer Suche nach sich selbst, nach dem eigenen Leben, nach dem kleinen Mädchen.

Unterteilt ist das Buch in vier Teile - "Verstecken", "Gehen", "Suche" und "Sicher". Die Kapitel sind überschrieben mit dem jeweiligen Namen, um den es in diesem Kapitel gerade geht und natürlich der Jahreszahl. Eine Reise, die an einem regnerischen, trüben Tage im Jahre 1968 beginnt und den Leser unglaubliche vierzig Jahre weiter trägt in das Jahr 2011. Es ist fast unmöglich, etwas über die Protagonisten, alle vier für sich selbst übrigens absolut faszinierende Persönlichkeiten, zu erzählen, ohne dabei dieser berührenden Geschichte vorzugreifen. Daher möchte ich dies lieber nicht tun, denn jedes Wort verrät zu viel. Es sei aber soviel gesagt, dass es der Autorin grandios gelungen ist, ihren Protagonisten ein sehr authentisches und facettenreiches Gesicht zu geben. Man kann sich sehr in Martha, Lynnie und Homan hineinversetzten, man leidet mit ihnen, man freut sich mit ihnen, man weint mit ihnen ... Eine unglaubliche Geschichte, die von der Autorin mit Hingabe recherchiert wurde, wie man auch den Anmerkungen am Ende des Buches entnehmen kann. Die Geschehnisse, die sich in diesem Heim für geistige Behinderte abspielen, regen sehr zum Nachdenken an und lassen den Leser auch sehr betroffen zurück.

Aber Rachel Simon hat auch gut zu verstehen gegeben, dass man überall gute Seelen findet, die sich gegen das System sträuben, die den wahren Menschen vor sich sehen und die nicht die Augen verschließen. Menschen, die sich einsetzen und versuchen, etwas zu bewegen. Menschen wie die Witwe Martha und die Betreuerin Kate. Kate wusste von Lynnies unglaublichem Geheimnis und hat ihr immer zur Seite gestanden, so gut sie es konnte. Und sie hat immer an Lynnie geglaubt.

Und Martha ... eine Frau, die vor eine schwere und lebensverändernde Entscheidung gestellt wurde - und die nicht davor zurückgeschreckt ist. Egal, wie schwer der Weg auch manchmal war. Sie wurde zur Kämpferin.

Kurz & gut - mein persönliches Fazit

Wow! Ja, dieses Buch, diese anrührende und hochemotionale Geschichte hat mich tief berührt, hat mich mitgerissen und hat vollkommen mein Herz bewegt. Ich habe dieses Buch zugeschlagen und noch lange über das Gelesene nachgedacht. Ein absolutes Lese-Highlight, dass ich uneingeschränkt weiterempfehlen kann, muss und will!
Ja, einfach nur ... wow! Nachdem ich zum Ende des Buches die Anmerkungen der Autorin zum Roman gelesen habe, habe ich in Gedanken nochmals den ganzen Roman Revue passieren lassen und das ganze Geschehen aus einem weiteren Blickwinkel betrachtet. Rachel Simon hat sich sehr eingehend mit der Thematik dieser staatlichen Heime beschäftigt und ausgiebig recherchiert. Dabei ist sie auf die wahre Geschichte eines tauben Mannes gestoßen, die ihr fast das Herz brach und die sie zuletzt dazu inspirierte, Teile dieser wahren Begebenheit in ihren Roman mit aufzunehmen und somit ihm und allen anderen, die weggesperrt wurden, etwas Tribut zu zollen. Und dies ist ihr, wie ich finde, ausgesprochen gut und sehr anschaulich gelungen. 

© Rezension: 2013, Alexandra Zylenas

[alexandra]

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